Zoom-Fatigue: Warum uns Videokonferenzen ermüden

Der Begriff Zoom-Fatigue ist seit längerem in aller Munde und wird in den Medien viel diskutiert. Doch woher kommt eigentlich der Begriff und was steckt dahinter?

Das Wort Fatigue kommt aus dem Französischen und bedeutet ins Deutsche übersetzt Müdigkeit oder Erschöpfung. Dieser Begriff wird vorrangig in der Medizin verwendet und beschreibt das Symptom der Erschöpfung, das mit verschiedenen Erkrankungen einhergeht.

Auch in der Arbeitswelt wird der Begriff immer geläufiger.

In diesem Kontext erlangte der Ausdruck erstmalig im Bereich der Verkehrsfliegerei Bekanntheit. Fatigue beschreibt hier die Situation, wenn Pilot*innen, durch hohe Arbeitsbelastung, geringe Pausenzeiten und den Wechsel von Zeitzonen so schwer ermüden, dass sie falsche bzw. sogar gefährliche Entscheidungen im Cockpit treffen. Die Auswirkungen von Müdigkeit auf die Konzentration und Entscheidungsfindung wurden in diesem Zusammenhang in verschiedenen Studien ausführlich untersucht.

In Zeiten zunehmender Digitalisierung gehören Videokonferenzen, Online-Meetings oder Webinare inzwischen für viele von uns zum Alltag. Bedingt durch die Corona-Pandemie stieg das Aufkommen von Videokonferenzen stark an, da viele Arbeitnehmer*innen ins Homeoffice wechselten oder auf mobiles Arbeiten umstiegen. Schnell machte sich bemerkbar, dass Videokonferenzen eine eigene Art von Stress verursachen können. Es fällt schwer, konzentriert bei der Sache zu bleiben bzw. sogar konstruktiv mitzuwirken. Auch mit Ungeduld und Reizbarkeit haben viele zu kämpfen. Und auch körperlich kann sich dieses „neue Phänomen“ bemerkbar machen – durch Kopf-, Rücken- und Augenschmerzen.

Dieser „Überforderungszustand“ hat mit dem Begriff Zoom-Fatigue nun einen Namen. Zoom ist eines der verbreitetsten Tools für Videokonferenzen und wurde daher namensgebend für das neue Phänomen.

Welche Gründe hat Zoom-Fatigue und was kann Abhilfe schaffen?

Der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Jeremy Bailenson hat 4 Gründe für den Erschöpfungszustand bei Videokonferenzen ausgemacht, die er in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Technology, Mind and Behavior genauer beschreibt.

  • Intensiver Augenkontakt
    Direkter und intensiver Blickkontakt versetzt das Gehirn in große Aktivität. Während man seine Gesprächspartner*innen in „realen Konferenzen“ oftmals von der Seite sieht und der Blickkontakt nur kurzzeitig ist, sehen wir uns in Videokonferenzen durchgängig frontal. Somit erleben wir dauerhaft direkten Blickkontakt und das Gehirn wird in langen Videokonferenzen in einen hypererregten Zustand versetzt.

    Empfehlung: Lassen Sie die Videokonferenz nicht durchgängig als Vollbild laufen und achten Sie auf ausreichend Abstand zum Monitor. Auch das Einblenden von Medien kann hier erleichternd wirken, da so die Gesichter Ihrer Gesprächspartner*innen kleiner dargestellt werden.

  • Sich selbst sehen
    In Videokonferenzen sehen Sie nicht nur Ihre Gegenüber, sondern auch sich selbst. Dies ist für viele eine ungewöhnliche und teilweise auch unangenehme Situation. Studien zeigen, dass Menschen kritischer mit sich selbst umgehen, wenn sie ein Spiegelbild von sich selbst sehen. So ist seit der Corona-Pandemie aufgrund von vermehrten Videokonferenzen bspw. auch die Nachfrage nach Gesichtsbehandlungen und Schönheitsoperationen gestiegen.

    Empfehlung: Schalten Sie das eigene Video ab bzw. blenden Sie es aus. Sollte dies nicht möglich sein, schieben Sie das Video in eine Ecke des Monitors, wo der Blick seltener hinfällt.

  • Wenig Bewegung
    Während man „früher“ den Weg zur Arbeit und wieder Nachhause hatte, verbringen viele von uns in Zeiten von Homeoffice und Lockdown den gesamten Tag vor dem PC. Dazu kommt, dass man bei Videokonferenzen durch den Bildausschnitt auf den eigenen Arbeitsplatz festgelegt ist. Da die anderen Teilnehmer*innen sehen, was man gerade macht, kann man – im Gegensatz zu Telefongesprächen – nicht einfach den Platz verlassen. Wie aktuelle Forschungen ergeben, kann die fehlende Bewegung zu Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungsfähigkeit führen.

    Empfehlung: Achten Sie auf Pausen bei und zwischen Videokonferenzen und versuchen Sie sich in diesen Ruhephasen aktiv zu bewegen.

  • Kognitive Belastung
    Zwischenmenschliche Kommunikation läuft im realen Leben oftmals auch nonverbal ab – also durch Gestik und Mimik. Diese nonverbale Kommunikation beschränkt sich bei Videokonferenzen jedoch nur auf das Gesicht. Dadurch gehen viele Informationen verloren, insbesondere was die Reaktion auf die eigene Kommunikation betrifft. Um seine Zustimmung oder Ablehnung zu signalisieren wird die Kommunikation aktiv gesteuert (z.B. durch übertriebenes Nicken) und läuft nicht mehr im Unterbewusstsein ab. Hinzu kommt, dass Reaktionen zum Teil nicht den Sprechenden gelten, sondern z.B. den Kindern im gleichen Zimmer. Dies alles erhöht die kognitive Belastung und kann zu Irritationen führen.

    Empfehlung: Schalten Sie die Kamera ab und zu aus – besonders, wenn Sie Personen in den eigenen 4 Wänden ansprechen.

Haben Sie bei sich selbst bereits Symptome von Zoom-Fatigue festgestellt? Dann unterstützen Sie das Forscherteam um Jeremy Bailenson bei ihrer Arbeit! Das Team hat einen (englischen) Fragebogen online gestellt, in dem nach unterschiedlichen Ausprägungen von Symptomen gefragt wird: https://comm.stanford.edu/ZEF

Die detaillierten Zwischenergebnisse der Studie finden Sie in einem Preprint: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3786329

 

Quellen:

https://en.wikipedia.org/wiki/Pilot_fatigue

https://www.golem.de/news/zoom-fatigue-warum-videokonferenzen-uns-so-anstrengen-2102-154505.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Fatigue

 

 

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