Wie perfekt muss eine Bewerbung sein?

Gisa

Wenn es um das Erstellen von Bewerbungsunterlagen geht, werden viele Menschen unsicher. Aufgrund dessen recherchieren sie im Internet nach Mustervorlagen, in denen die Sätze für ein Anschreiben möglichst gut klingen. Die vorgefertigten Formulierungen klingen meistens auch viel besser, als wenn man in seinem eigenen Sprachstil schreibt. Und schon werden diese Sätze in das eigene Anschreiben übernommen, jedes selbst hinzugefügte Wort hinterfragt und alles auf die Goldwaage gelegt. Es entsteht eine eigene „Bewerbungssprache“.
In vielen Bewerbungstrainings wird gelehrt, dass eine Bewerbung nur erfolgsversprechend ist, wenn sie perfekt formuliert und ganz individuell auf die jeweilige Stelle sowie das Unternehmen angepasst wird. Zudem ist die gängige Annahme, dass Personaler*innen auf jedes kleine Detail achten und jeder Fehler zu einer Ablehnung führt. Doch entspricht das wirklich der Wahrheit?

Manchmal ist es ratsam, gängige Thesen zum Bewerbungsprozess und somit auch die eigene Bewerbungsstrategie zu hinterfragen.

Als Berater im JOB POINT Berlin erhalte ich tagtäglich Detailfragen zu den Bewerbungsunterlagen. Insbesondere wenn eine Stelle hochattraktiv scheint, wünschen die Kund*innen eine perfekte Bewerbung. Nur so glauben sie die höchsten Erfolgschancen auf die gewünschte Stelle zu haben.

Ich erlebe auch Kund*innen die tage- oder sogar wochenlang an ihren Bewerbungsunterlagen formulieren und perfektionieren. Und genau bei diesen Kund*innen erlebe ich, wie groß dann die Enttäuschung ist, wenn sie die gewünschte Stelle doch nicht erhalten haben.

Auch wir Berater*innen im JOB POINT Berlin haben durchaus unterschiedliche Vorstellungen, wie viel Qualität eine Bewerbung benötigt bzw. wie perfekt sie sein muss, um erfolgreich zu sein. Bewerben ist keine Wissenschaft, sondern ein Kommunikationsmittel. Und der Erfolg wird nun mal vom Empfangenden bestimmt. Und da Menschen – also auch Personaler*innen – verschieden sind, so wird der Anforderungsgrad auch verschieden sein.

Dennoch möchte ich an dieser Stelle auf ein Modell der Volkwirtschaftslehre aufmerksam machen, welches sich auf sehr viele Lebensbereiche anwenden lässt – auch auf die Bewerbung. Es ist das „Gossensche Gesetz“ vom Ökonomen Hermann Heinrich Gossen. Dieses Modell zeigt, wie Aufwand und Qualität von Produkten bspw. Bewerbungsunterlagen in Verbindung stehen.

Eigene Darstellung des Gossenschen Gesetzes

Eigene Darstellung des Gossenschen Gesetzes

Das „Gossensche Gesetz“ lässt sich gut am Beispiel einer Produktionsmaschine erklären:

  • Messen wir hierbei die Qualität der Maschine anhand des Anteils der fehlerfreien Produkte. So kann man für relativ wenig Geld schon eine Maschine erwerben, die immerhin 50% der Teile fehlerfrei herstellt (Punkt A in der Darstellung).
  • Eine Maschine mit 80% fehlerfreien Teilen (Punkt B) ist etwa doppelt so teuer – hat also den doppelten Aufwand (d) und bringt 30% mehr Qualität (e).
  • Möchte man nun eine Maschine mit fast keinen fehlerhaften Produkten haben (Punkt C), so steigt der Aufwand stark an (f) – um mehr als das Vierfache im Vergleich zur ersten Maschine und das Doppelte zur zweiten Maschine. Im Verhältnis zum mehr eingesetzten Aufwand erhalte ich aber nur einen relativ geringen Mehrnutzen (g). Es ist kaum realistisch eine komplett fehlerfreie Maschine überhaupt zu erreichen – und wenn dann nur mit extremem Aufwand. Insgesamt verschlechtert sich also das Verhältnis vom eingesetzten Aufwand zur damit erhaltenen Qualität.

Dieses Modell gilt auch für Bewerbungen: Eine perfekte Bewerbung bedarf sehr viel Aufwand und es ist fraglich, ob es überhaupt „die perfekte Bewerbung“ gibt. Der Aufwand kann dabei verschiedene Größen beinhalten: eingesetzte Zeit, Denkleistung, Kosten für Ausdrucke usw.

Welches Qualitätslevel muss bei einer Bewerbung erreicht werden, damit diese „funktioniert“ und Sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden?
Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden – hängt aber hauptsächlich von folgenden drei Faktoren ab:

  1. Konkurrenz: Gibt es viele Mitbewerber*innen, steigt automatisch das zu erbringende Qualitätslevel. So werden Programmierer*innen und Pflegefachkräfte auch bei „schlechten“ Bewerbungen fast immer zum Gespräch eingeladen.

  2. Art der Tätigkeit: Bei „einfachen“ Tätigkeiten wird in der Regel kein so hohes Qualitätslevel erwartet, wie bei Führungskräften und kommunikationsintensiven Stellen.

  3. Persönlichkeit der Personaler*innen: Es gibt in der Personalauswahl eine Tendenz dazu, Menschen mit ähnlichen Werten einzustellen. Ist der Auswählende selbst Perfektionist, so wird auch eine hohe Erwartungshaltung an die Bewerbungen vorhanden sein. Andere möchten eher den Menschen hinter einer Bewerbung kennenlernen und legen nicht so viel Wert auf perfekte Formulierungen und Inhalte. Wie der- oder diejenige tickt, wissen Bewerber*innen allerdings nicht im Vorhinein.
    An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass der/die Auswählende meist auch der/die zukünftige Vorgesetzte ist. Legen Sie daher bei der Erstellung Ihrer Bewerbungsunterlagen Ihren ganz persönlichen Qualitätsanspruch zu Grunde. Denn passt es im Bewerbungsprozess schon nicht, so passt es meist auch nicht im alltäglichen Arbeiten. Wenn meine Bewerbung an einer fehlenden Leerzeile scheitert, so wäre meine Arbeitszufriedenheit bei solch einer/m Vorgesetzten sehr schnell aufgebraucht.

Meine Empfehlung
Aus meiner langjährigen Erfahrung im Bereich der Personalauswahl und Beratung empfehle ich ein Qualitätsziel von ca. 80% anzustreben. Auch Ihre Ressourcen (Aufwand) sind begrenzt. Schicken Sie lieber mehrere gute Bewerbungen ab, als eine (scheinbar) perfekte. Nach meiner Einschätzung ist der zentrale Erfolgsfaktor eines Bewerbungsschreibens, dass es ein passendes berufliches Profil (fachliche Eignung) vermittelt. Es sollte also in Ihrer Bewerbung deutlich sichtbar sein, warum Sie den gewünschten Job können.

Ich habe bereits viele Einladungsentscheidungen erlebt, wo Kandidat*innen trotz „schlechter“ Unterlagen eingeladen wurden, wenn sie einen passenden Werdegang aufwiesen.

Die Bewerbungsunterlagen sind also nur das Werkzeug. In diesem Bild verbleibend, hilft auch das perfekte Werkzeug nichts, wenn der/die Handwerker*in dahinter „nix taugt“ – also nicht über ausreichende Erfahrung, Qualifikation und Motivation verfügt. Stecken Sie zu viel Aufwand in Bewerbungen laufen Sie zudem Gefahr, dass sie bei Absagen stärker enttäuscht sind, was den Prozess des Bewerbens auf Dauer stark erschwert und z.T. unmöglich machen kann.

Was genau hinter den 80% als Qualitätsziel steckt – also worauf Sie wirklich bei Ihrer Bewerbung achten sollten – erfahren Sie in unserem Online-Seminar „10 Tipps aus der Praxis – Überzeugend bewerben“ und in unseren umfangreichen Bewerbungstipps auf der Website.

 

Zum Autor: Mario Heim berät seit 2014 im JOB POINT Berlin zu den verschiedensten Themen rund um die Jobsuche und den Bewerbungsprozess. Zudem hat er mehrjährige Erfahrung in der Personalauswahl, im Thema psychische Gesundheit und der Prävention psychischer Erkrankungen.

Quelle: www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19541/gossensche-gesetze

 

Bildquelle:
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