Was machen die Beraterinnen und Berater von MobiJob eigentlich genau?

Das MobiJob-Team

Ich treffe mich mit den Kolleginnen und Kollegen von MobiJob - Mobile Jobberatung für Geflüchtete im zweiten OG vom Projektehaus der GesBiT - Gesellschaft für Bildung und Teilhabe mbH in der Karl-Marx-Straße 122 in Neukölln. Das MobiJob-Team hat sich heute zur Teambesprechung versammelt.

Meine erste Frage an euch: Was macht ihr eigentlich als MobiJob-Beraterinnen und Berater?

Philipp: Wir sind ein zuwendungsbasiertes Projekt von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales und beraten Geflüchtete in allen Bereichen rund um das Thema Arbeit. Wir helfen bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen, wir vermitteln zu Arbeitgebern, wir simulieren Bewerbungsgespräche. Wir sind insgesamt acht Projektmitarbeiter*innen und beraten berlinweit. Neben den drei JOB POINTs gehören zu unseren Beratungsorten Unterkünfte, Stadtteilzentren, die zwei Willkommen-in-Arbeit-Büros und seit Juni auch ein kleines MobiJob-Büro direkt am Alexanderplatz.

Was sind die besonderen Herausforderungen eurer Arbeit?

Nora: Die Sprachkenntnisse sind oft eine Barriere. Viele Ratsuchende sprechen noch nicht so gut Deutsch, wie es oft von den Arbeitgebern erwünscht ist. Die andere Schwierigkeit ist, dass viele unserer Ratsuchenden sich mit unserem Arbeitsmarktsystem und auch mit dem Bewerbungsprozess nicht so gut auskennen, wodurch ein großer Teil unserer Beratung Informationsvermittlung ist.

Philipp: Außerdem ist die Wohnsituation vieler Ratsuchender immer noch prekär. Viele leben noch immer in Gemeinschaftsunterkünften, haben da kaum Rückzugsmöglichkeiten. Das spielt eine Rolle, gerade wenn es um das Thema Ausbildung geht: die Berufsschule zu besuchen und zuhause lernen zu müssen.

Celia: Gerade dann, wenn man an die Frauen denkt, spielt auch das Thema Kitaplätze eine große Rolle, was in Berlin ein großes Problem ist.

Gustav: Viele Menschen können aufgrund ihrer Fluchterfahrung individuelle negative Erfahrungen gemacht haben, was bis hin zu unverarbeiteten Traumata gehen kann. Das kann auch die Beratungssituation erschweren.

Nora: Schwierig ist außerdem, dass viele Menschen durch die langen Jahre der Flucht viel Zeit und manchmal auch so etwas wie den Anschluss verloren haben, gerade wenn es um die Entwicklung von digitalen Kompetenzen geht. Ihnen fehlen einfach Jahre, in denen sie keine Berufserfahrung machen konnten.

 

"Viele Geflüchtete stürzen sich in die Arbeit – das kann auch eine Herausforderung für die Unternehmen sein."

 

Welchen Gewinn haben Unternehmen, wenn sie Geflüchtete einstellen?

Nora: In der Regel gewinnen Unternehmen sehr motivierte Mitarbeiter, die oft nach vielen Jahren des Nichtstuns und Wartens Lust haben wieder zu arbeiten und wirksam zu werden in ihren erlernten Berufen oder auch in neuen Tätigkeiten. Die Leute, die in Arbeit kommen, sind sehr motiviert und stürzen sich fast schon in die Arbeit. Das ist eine Chance für Unternehmen, gute Mitarbeiter zu bekommen.

Ist das eine belastende Tätigkeit – wohin schlägt euer Gefühlsbarometer aus?

Philipp: Natürlich gibt es auch Belastungssituationen. In der großen Mehrheit überwiegt aber das Gefühl, etwas gesellschaftlich Relevantes zu machen. Ich glaube, die größte Herausforderung für Deutschland ist diese Integration. Und dabei mitzuwirken, dass sie gelingt, finde ich sehr bereichernd. Unsere Arbeit ist auch ein politisches Feld: Wir bekommen mit, warum Menschen geflohen sind. Das erzeugt bei mir auch ein bisschen Demut und Dankbarkeit, dass ich in einem so stabilen und friedlichen Land leben kann – und darf. Die Ratsuchenden sind außerdem unglaublich dankbar dafür, wenn man sie unterstützt. Nicht nur an einem Termin, sondern teilweise über Monate hinweg, bis sie in Arbeit vermittelt wurden. Die Dankbarkeit, die man dann zurückbekommt, ist etwas sehr Schönes.

 

Spielt es eigentlich eine Rolle, ob Ihr Beraterin oder Berater seid, ob Frau oder Mann?

Janine: Bei mir war das bisher kein Thema. Die Menschen, mit denen wir arbeiten, sind ja in der Regel auch schon etwas länger hier und haben Asylverfahren usw. durchlaufen. Ich glaube, dass das Thema für uns deshalb nicht so prägnant ist, weil die Personen schon lange damit in Berührung gekommen sind, dass ihnen Frauen gegenübersitzen. Also ich habe keine negative Erfahrung damit gemacht, dass ich einen männlichen Kunden als Frau berate.

 

"Bisher hieß es oft, erstmal Deutsch lernen, dann Arbeit. Aber das funktioniert für viele Menschen einfach gar nicht."

 

Was hat sich verändert in eurer Arbeit seit Projektbeginn? Welche Veränderungen gibt es seitens der Arbeitssuchenden und seitens der Unternehmen?

Nora: Es gibt auf beiden Seiten inzwischen realistischere Einschätzungen. Es gab ja eine Zeit, in der ganz euphorisch davon gesprochen wurde, dass es ja so viele neue Mitarbeiter gibt und alles nun ganz schnell gehen wird. Jetzt merken alle, dass es doch viel länger dauert. Und auf der anderen Seite haben Ratsuchende nun auch eine bessere Kenntnis darüber, welche Möglichkeiten es gibt, wo man wie viel verdienen kann und was man auch ohne Ausbildung machen kann.

Was müsste sich außer der Schaffung von Strukturen aus eurer Sicht noch verbessern?

Nora: Es bräuchte vereinfachte Bewerbungsprozesse, eine bessere Betreuung der Mitarbeiter in den Betrieben und spezifischere, berufsbezogene Deutschkurse für bestimmte Bereiche, die man auch neben der Arbeit machen kann. Bisher hieß es oft, erstmal Deutsch lernen, dann Arbeit. Aber das funktioniert für viele Menschen einfach gar nicht.

Was waren für euch besondere Momente?

Philipp: Der Beratungsprozess selbst ist schon etwas sehr Wertvolles für die Menschen, aber auch für uns. Ich hatte eine somalische Ratsuchende, die hat mir zum zweiten oder dritten Termin eine somalische Spezialität, Injera (ein Fladenbrot aus Sauerteig), mit gewürzten Suppen in Tupperdosen zum Termin mitgebracht und mir auf den Tisch gestellt. Ich wusste dann gar nicht, was ich sagen sollte. Das sind so einzelne Momente, in denen man dann sehr zufrieden ist. – Und wo man die Mittagspause dann kürzer gestalten kann, weil man nirgendwo mehr hingehen muss.

 

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