Stärken und Schwächen im Vorstellungsgespräch – eine Fangfrage!?

Gisa

Die Frage nach den charakterlichen Stärken oder Schwächen bzw. persönliche Eigenschaften gehört zu den Klassikern im Vorstellungsgespräch – auch wenn nicht explizit danach gefragt wird.

Wenn man viele Vorstellungsgespräche geführt hat, kann ein interessantes Phänomen festgestellt werden: Von unterschiedlichen Interviewten wird die gleiche Eigenschaft einmal als Stärke und einmal als Schwäche benannt. Auch in unseren Seminaren zum Thema Vorstellungsgespräch erleben wir immer wieder ähnliche Situationen, wenn wir die Teilnehmenden nach Stärken und Schwächen fragen. Was ist denn nun richtig? Was sind denn wirkliche charakterliche Stärken und Schwächen?

In vielen Internetratgebern stehen Musterantworten, die man auf die Fragen nach Stärken und Schwächen geben kann. Nach meiner professionellen Einschätzung sind diese Antworten jedoch nicht hilfreich. Denn: JEDE persönliche Eigenschaft kann sowohl als Stärke als auch als Schwäche interpretiert werden.

Die Bipolarität von Stärken und Schwächen im Vorstellungsgespräch

Ich bezeichne dies als Bipolarität von Charaktereigenschaften. Nehmen wir als Beispiel drei oft genannte Stärken, die auf den ersten Blick positiv erscheinen, aber immer auch potentiell negative Interpretationsmöglichkeiten zulassen.

1. „Durchsetzungsstark“: Mit dieser Eigenschaft neigen Personen dazu, an Teamfähigkeit zu verlieren. Sie können ggf. „schwächere“ oder „ruhigere“ Charaktere übergehen und diese damit verletzen. Ebenso kann es an Offenheit für andere ggf. bessere Ideen zur Problemlösung mangeln.

2. „Empathisch“: Bei dieser Eigenschaft wird das Thema Abgrenzung sehr spannend. Nicht selten haben emphatische Menschen Schwierigkeiten, die Probleme Anderer nicht zu ihren eigenen zu machen. Es kommt zum Teil auch zu dem Phänomen, dass aus Empathie ein „Mitleiden“ wird und diese Person sich selbst ebenso psychisch belastet. Gerade in sozialen oder medizinischen Berufen ist fehlende Abgrenzung ein immer wiederkehrendes Thema. Empathie kann bei Führungskräften zu fehlendem Delegationsvermögen führen – wer übergibt schon gern weitere Aufgaben an gestresste Kolleg*innen?

3. „Kommunikationsstark“: Besitzt man eine Stärke, so möchte man diese auch immer anwenden. Was ist aber bei Tätigkeiten, die wenig Kommunikation erfordern – also z.B. klassisches „Abarbeiten“. Oder wie fühlt sich eine solche Person in einem Team, welches einen eher unkommunikativen Spirit pflegt? Ebenso kann kommunikationsstark schon fast als manipulativ ausgelegt werden. Nicht die Inhalte der Arbeit führen zum Erfolg, sondern häufig die dazugehörige Kommunikation. In einem Vorstellungsgespräch kann der/die Interviewer*in das Gefühl entwickeln, die Person kann sich und ihre Kompetenzen besser darstellen, als sie in Wahrheit sind.

Musterantworten auf Frage nach den eigenen Stärken und Schwächen sind ungeeignet

Ob eine Eigenschaft also als Stärke oder Schwäche interpretiert wird, hängt stark von der Stelle und den zu erledigenden Aufgaben ab. Ebenso ist die Passung zum Team und dem gelebten Spirit sehr entscheidend. Es gibt hier eine ausgeprägte Tendenz, ähnliche Persönlichkeiten einzustellen oder (eher selten) ganz bewusst auf andere ergänzende Persönlichkeiten zu setzen.
Für Bewerber*innen ist es für die spätere Arbeitszufriedenheit ganz entscheidend, sich authentisch zu beschreiben, damit eine wahre Teampassung geprüft werden kann. Geschieht diese Prüfung auf der Grundlage von Musterantworten, so sind Konflikte und Unzufriedenheit oft vorprogrammiert.

Tipp für Ihre Antwort auf die Frage nach Stärken und Schwächen

Für die Beantwortung der Frage nach Schwächen möchte ich Ihnen, als persönliche Empfehlung, mal einen anderen Ansatz mitgeben:
Beginnen Sie Ihre Antwort mit „Ich mag nicht… (z.B. wenn vage kommuniziert wird)“ und dann beschreiben Sie Themen, die sie aus Ihrer (beruflichen) Erfahrung als kritisch oder schwierig empfinden. Alternativ können Sie den Satz auch beginnen mit „Ich finde es schwierig, wenn… (z.B. keine Struktur vorhanden ist).“
Hier könnte die Frage aufkommen: Warum ist das eine Schwäche? Es gibt andere Menschen, die bei dem Genannten weniger Schwierigkeiten haben. Mit der ehrlichen Beantwortung dieser Frage können Sie möglichen Enttäuschungen und Konflikten im künftigen Arbeitsleben nachhaltig vorbeugen. Dabei gilt immer: Geben Sie nur so viel von sich preis, dass Sie sich damit wohl fühlen.

Trauen Sie sich authentisch auf die Frage nach Stärken und Schwächen zu antworten und verzichten Sie bewusst auf Musterantworten. Diese und andere wertvolle Tipps erhalten Sie in unserem Seminar „10 Tipps aus der Praxis – Im Vorstellungsgespräch überzeugen (Fachkräfte und Akademiker*innen)“.

 

Zum Autor: Mario Heim berät seit 2014 im JOB POINT Berlin zu den verschiedensten Themen rund um die Jobsuche und den Bewerbungsprozess. Zudem hat er mehrjährige Erfahrung in der Personalauswahl, im Thema psychische Gesundheit und der Prävention psychischer Erkrankungen.

 

Bildquelle:
würfel cube info 3D © moonrun – fotolia.com

Zurück

gesbit logoberliner senat

Mobile Version