Perfektionismus – eine Stärke oder Schwäche?

Gisa

In meinem letzten Artikel „Wie perfekt muss eine Bewerbung sein?“ habe ich bereits das Grenznutzenmodell vom Ökonomen Hermann Heinrich Gossen vorgestellt. Dieses zeigt, dass eine Qualitätssteigerung immer mit einem überproportional wachsenden Aufwand verbunden ist. Bezugnehmend auf dieses Modell habe ich für die Erstellung von Bewerbungsunterlagen ein Qualitätsziel von ca. 80% angegeben. Hieran möchte ich anknüpfen und den Perfektionismus ein bisschen genauer unter die Lupe nehmen.

In sehr vielen von mir geführten Personalauswahlgesprächen beschrieben sich die Bewerber*innen als „perfektionistisch“, „besonders sorgfältig“ oder auch als „sehr genau“. Diese Eigenschaften wurden meist als Stärken „verkauft“, z.T. aber auch als Schwächen benannt. Doch wie verhält es sich mit dem Perfektionismus in der Arbeitswelt?

Perfektionismus kann kritisch sein

Neigen Menschen zum Perfektionismus, streben sie fast immer eine 100%ige Qualität an – wofür sie aber sehr viel Aufwand benötigen. Sie brauchen also ggf. länger, um eine Aufgabe zu erfüllen, womit die Gefahr einhergeht, dass diese Menschen nicht so schnell arbeiten. Ressourcen sind jedoch fast immer begrenzt und oftmals herrschen Terminvorgaben. Dieses Zusammenspiel kann perfektionistische Menschen stark unter Druck setzen und den Stresslevel erhöhen – sie laufen Gefahr auf Dauer „auszubrennen“.

Zudem können sie diesen Stress auf das Team übertragen, wenn Kolleg*innen Aufgaben übernehmen (müssen), die Menschen mit einem Hang zum Perfektionismus in dieser Zeit nicht geschafft haben bzw. wenn sie als Vorgesetzte ihre persönliche Anforderungshaltung auf das gesamte Team übertragen. Begrenzen sich Perfektionist*innen selbst oder werden sie begrenzt, so haben sie dennoch häufig das Gefühl, dass sie keine gute Arbeit leisten. Sie erleben also wiederholt Enttäuschungen, was wiederum zu einer erhöhten Gefahr von Erschöpfungssymptomen führt.

Ebenso haben Perfektionist*innen häufig Schwierigkeiten, Aufgaben zu delegieren, da sie erwarten, dass es dann nicht in der für sie ausreichenden Qualität erledigt wird. Die Arbeitsbelastung steigt weiter und schon stecken sie in einem Teufelskreis. Selbst wenn Perfektionist*innen delegieren, neigen sie häufig dazu, die gelieferten Ergebnisse zu ändern – dies wiederum führt zu Frustration und Erschöpfung bei den Mitarbeitenden.

Eine hohe Qualität benötigt Ressourcen

Es gibt Tätigkeiten, wo Perfektion gefragt ist (z.B. als Chirurg*in oder Goldschmied*in). Hier muss ein entsprechender Aufwand betrieben werden (können) – dieser betrifft insbesondere Ausbildung, Qualifikation, Zeit für die Aufgabe und die Qualität eingesetzter Hilfsmittel. Höchste Qualität und gleichzeitiges Einsparen von notwendigen Ressourcen schließen sich aus! Umgekehrt muss von einer hohen Aufwandssteigerung ausgegangen werden, wenn Qualität erhöht werden soll.
Dies betrifft z.B. auch gezahlte Entgelte, um entsprechende Fachkräfte zu (er)halten: „You get what you pay for“. Der Fachkräftemangel vieler Branchen bzw. Firmen ist nicht selten selbst verschuldet. Auch wenn Unternehmen keine hohen Entgelte zahlen können, gibt es dennoch sehr gute Möglichkeiten, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen. Ein Beispiel ist die Entlastung dieser Fachkräfte bei fachfremden Themen, wie z.B. Bürokratie.

Für Unternehmen ist es wichtig, Qualitätsziele transparent zu gestalten und gemeinsam mit den Mitarbeitenden zu verhandeln. Die heutige Arbeitswelt ist durch Arbeitsverdichtung geprägt und einem Fachkräftemangel gekennzeichnet. Eine hohe Arbeitsverdichtung verstärkt zudem den Fachkräftemangel, da dadurch diese Berufe bzw. Stellen unattraktiv werden. Sind die Ressourcen begrenzt, so hat jede Arbeitsverdichtung (Mehraufgabe bzw. höhere Komplexität der Aufgabe) einen Qualitätsverlust oder eine gefährliche Mehrbelastung der Mitarbeitenden zur Folge. Qualität und Aufwand sind somit voneinander abhängig und nicht losgelöst zu betrachten.

Perfektionismus ist per se weder eine Stärke noch eine Schwäche

Wie jede andere Charaktereigenschaft kann Perfektionismus in beide Richtungen interpretiert werden. Diese Interpretation ist stark abhängig von den Qualitätszielen der individuellen Stelle. Dennoch sollten perfektionistische Menschen besonders auf Überlastung der eigenen Person bzw. des Teams achten, da dies gravierende Folgen für die individuelle Gesundheit haben kann.

 

Zum Autor: Mario Heim berät seit 2014 im JOB POINT Berlin zu den verschiedensten Themen rund um die Jobsuche und den Bewerbungsprozess. Zudem hat er mehrjährige Erfahrung in der Personalauswahl, im Thema psychische Gesundheit und der Prävention psychischer Erkrankungen.

 

Bildquelle:
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