Ist das Anschreiben etwa vom Aussterben bedroht?

Seit vielen Jahren ist folgende Meinung in Deutschland etabliert: Das Anschreiben gehört zu einer Bewerbung und ist ganz entscheidend für die Auswahl. Deshalb geben sich an dieser Stelle sehr viele Bewerber*innen besonders viel Mühe, um die „perfekten“ Sätze zu formulieren. Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, kennen das Format „Anschreiben“ meist überhaupt nicht und fragen sich, warum in Deutschland scheinbar viel Wert auf diesen Text gelegt wird.

Wie wichtig ist das Anschreiben wirklich?

In vielen Büchern, (Online-)Ratgebern und Bewerbungstrainings wird immer wieder betont, wie wichtig ein überzeugendes Anschreiben ist. Aber stimmt das auch?

Um diese Frage zu beantworten sollten wir einen Blick auf die praktisch durchgeführte Personalauswahl legen. Aus meiner langjährigen Erfahrung als „Personaler“ kann ich sagen, dass Bewerbungsunterlagen in folgender Reihenfolge geprüft werden:

  1. Zuerst wird der Lebenslauf angeschaut – hier sieht der oder die Auswählende am deutlichsten, welche Kompetenzen der oder die Bewerber*in mitbringt.
  2. Ist der Lebenslauf „mindestens gut“, dann wird das Anschreiben durchgelesen.
  3. Wird das Anschreiben auch für „mindestens gut“ befunden, werden auch noch die Zeugnisse (meist grob) gecheckt.

Der Lebenslauf ist also wichtiger als das Anschreiben. Überprüfen Sie sich an dieser Stelle gerne selbst: Wie viel Aufwand stecken Sie in die einzelnen Teile Ihrer Bewerbungen?

Anschreiben leiden unter „Perfektionierung“

Bewerber*innen finden häufig Vorlagen und vorformulierte „super klingende Sätze“ in den gängigen Ratgebern. Diese Sätze klingen meist besser als die eigenen und werden deshalb von Vielen mit den besten Absichten übernommen. Dabei entsteht fast eine neue Sprache – die Bewerbungssprache. Diese ist die häufigste Ursache, warum viele Anschreiben an Aussagekraft verlieren. Die übernommenen Sätze klingen gut, aber sagen im Endeffekt nicht viel aus. Aus diesem Grund kann die Absicht, im Anschreiben „alles richtig machen zu wollen“ auch nach hinten losgehen.
Ein Beispiel: „Als begeisterter Mensch, der gerne neue Herausforderungen annimmt, bin ich mir sicher, dass ich eine großartige Ergänzung Ihres Teams sein werde.“

Social Media und Fragebögen anstelle von Anschreiben?

In einigen Unternehmen wird das Anschreiben ersetzt durch Fragebögen mit Fragen wie: Warum dieser Job? Warum Du? Diese Fragen und deren Antworten beinhalten kurz und knapp das, was ein Anschreiben auch beinhaltet. Andere Unternehmen entscheiden sich sogar dafür, gänzlich auf Anschreiben zu verzichten. 2018 hat beispielsweise die Deutsche Bahn entschieden, bei Ausbildungs- und Studienplätzen gänzlich auf Anschreiben zu verzichten. Jedoch werden bei Stellen für Fachkräfte und „Berufserfahrene“ weiterhin Anschreiben verlangt. Für mehr Aussagekraft des Anschreibens gibt das Unternehmen Interessierten bereits im Vorfeld der Bewerbung einige Tipps, was in den Unterlagen gewünscht ist.

Auch andere Unternehmen verzichten auf Anschreiben. Dies betrifft besonders Stellen mit weniger formalen Voraussetzungen. Hier reichen z.T. sogar Bewerbungen per WhatsApp.

Nach meiner Erfahrung wird in einigen Branchen schon länger auf das Anschreiben verzichtet. Die meisten Servicekräfte in der Gastronomie haben sicherlich ohne komplette Bewerbungsmappe ihren Job erhalten. Auch im Handwerk wird häufig auf Anschreiben verzichtet.

Das Anschreiben als Chance für Bewerber*innen

Selbst wenn auf das Anschreiben verzichtet wird – die Bewerbung wird dadurch trotzdem nicht einfacher. Zukünftige Arbeitgebende sind immer an Informationen zur Persönlichkeit und zur fachlichen Kompetenz interessiert. Gerade bei Unternehmen mit eigenen Karriereportalen werden Informationen, die nicht im Lebenslauf bzw. in den Zeugnissen deutlich sichtbar sind, mittels Online-Fragekatalogen abgefragt. Hier dürfen bzw. müssen beispielsweise Fragen zur Motivation, Erfahrung, Kompetenzen, den Gehaltsvorstellungen und einem möglichen Eintrittsdatum beantwortet werden. Teilweise werden auch Online-Assessments (z.B.: bei der Berliner Polizei) durchgeführt. Hierbei werden mittels psychologischer Testverfahren Persönlichkeit und Leistungsfähigkeit überprüft. Auch wenn bereits seit mehreren Jahren geschrieben wird, dass das Anschreiben ausstirbt, so wird es nach meiner Einschätzung wohl noch eine ganze Weile dauern, bis darauf überall komplett verzichtet werden kann.

Gerade im Bereich der „klassischen mittelständigen Wirtschaft“ bleibt das Anschreiben ein weiterhin gewünschter Bestandteil der Bewerbung. Auch Fachkräfte und Akademiker*innen werden selten auf ein Anschreiben verzichten können. Ein Trend ist gesetzt – aber ob dieser Bestand haben wird, wird sich noch zeigen. Die fortscheitende Digitalisierung der Bewerbungsverfahren spricht dafür.

Auf der anderen Seite können Anschreiben durchaus an Wert erlangen, wenn man sie persönlich und aussagekräftig gestaltet. Ein erster Schritt ist mit dem Verzicht auf Floskeln gemacht. Hierbei helfen wir Ihnen gern: Wir unterstützen Sie beim Erstellen, Prüfen oder Optimieren Ihres persönlichen Anschreibens. Weitere Tipps zum erfolgreichen Bewerben erhalten Sie darüber hinaus in unserem monatlichen Online-Seminar „Überzeugend bewerben – 10 Tipps aus der Praxis (Fachkräfte und Akademiker*innen)“ und unseren Bewerbungstipps.

Zum Autor: Mario Heim berät seit 2014 im JOB POINT Berlin zu den verschiedensten Themen rund um die Jobsuche und den Bewerbungsprozess. Zudem hat er mehrjährige Erfahrung in der Personalauswahl, im Thema psychische Gesundheit und der Prävention psychischer Erkrankungen.

 

Bildquelle:
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